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Gedanken

Vernachlässige deine Kunden, dann geht dein Geschäft unter

Von
Nils Enders-Brenner
Erschienen
Lesezeit
7 Minuten

Ich kann mich noch sehr gut an meinen Professor Fritz Frenkler an der TU München erinnern: Wenn einer die Sache sehr gut gemacht hat, will der Professor das kaum zugeben oder loben und sagt einfach nur knapp „gut“. Wenn aber ein Student es vermasselt oder wieder die Menschen oder die Möglichkeit zur Massenherstellung nicht berücksichtigt hat, wurde er sofort wüst ausgeschimpft und als „Pfeife“ bezeichnet.

Mein Professor würde dich beleidigen, wenn du nicht an die Menschen denkst. Genau dafür sind wir als Designer da. Allerdings merken wir gerade einen Wandel. Wegen der modernen und einfach zugänglichen Technologien, besonders beim Websitebau, sehen wir sehr viele Baukasten-Anbieter wie Framer, Wix usw., die aus jedem Nutzer einen Designer machen. Das führt zu stark visuellen Websites, die aber überhaupt nicht nutzerfreundlich sind oder dem Geschäft sogar schaden. Sogar Dieter Rams hat 2016 in München im Gespräch mit Frenkler gesagt: „Der Begriff ‚Design‘ ist unglaublich ausgefranst. Ich bedauere das sehr, weil das unseren doch so wichtigen Beruf verwässert.“ Deswegen spricht er lieber von Gestaltung. Ich als Designer denke nicht nur an den Menschen, sondern auch an die Wirtschaftlichkeit und an die Machbarkeit der Technologie. Die Professoren haben mir beigebracht, dass Gestaltung eine saubere Balance zwischen Mensch, Technik und Wirtschaftlichkeit ist, also der Sweet Spot.

Drei ineinander verflochtene Ringe: Mensch, Technik und Wirtschaft. Wo sich alle drei überschneiden, ist die Fläche orange: Sweet Spot, alles auf einmal.

Die Flucht aus Deutschland

Ich bin nach Bozen gegangen, weil ich einfach raus wollte und von der deutschen Mentalität genervt war, weil ich mich immer ausgeschlossen fühlte. Ich wollte etwas Neues sehen. Und ich wollte auch etwas mit den Händen machen und etwas Gutes für die Welt tun.

Als ich nach Bozen kam, ist mir sofort das südliche Flair aufgefallen. Die Häuser und die Menschen wirken so viel lockerer und nicht so düster. Die Menschen in Bozen waren viel emotionaler und zugänglicher als die Deutschen, und ich habe dort auch den richtigen Reichtum der Weinbauern kennengelernt. Und vor allem, dass alles so ins Detail ging: die ganzen alten Häuser mit ihren Ornamenten und Verzierungen. Das hat mich schon sehr schwer beeindruckt, und auch die starke Esskultur. Und dass es in Bozen sogar viel mehr Baumarten gab als in Deutschland, es gab sogar Palmen und Kakteen, weil es ein besonderer Ort ist, da es in einem sogenannten Heizkessel liegt.

Bloß nicht im Tunnelblick verharren, sonst setzt’s was

Frenkler hat mich immer darauf hingewiesen, dass ich nicht einfach etwas entwerfen soll, das später in der Industrie sehr schwer herzustellen ist. Und diesen Fehler habe ich damals in Bozen auch gemacht, weil das Design dort mehr künstlerisch ausgerichtet und nie für „Massenfertigung“ gedacht ist. Erst beim Industriedesign habe ich gemerkt, dass es noch eine Stufe höher ist: Man soll dafür sorgen, dass das Produkt nicht nur bei den Menschen ankommt, sondern auch visuell stark und gleichzeitig wirtschaftlich ist. Ziemlich genau wie bei Porsche und Ferrari. Beide Fahrzeuge stehen für die höchste Ingenieurskunst und sind auch keine billige „Massenware“. Meiner Meinung nach sollten die Produkte zwar massentauglich sein, aber die Qualität soll dadurch nicht vernachlässigt werden. Wenn ich mir jetzt den aktuellen Automarkt anschaue, merke ich sofort, wie die meisten Standardwagen im Grunde alle gleich aussehen, im Vergleich zu Ferrari, Porsche und Lamborghini. Die charakteristischen Merkmale sind bei den meisten Autos schon verloren gegangen.

Ich musste einmal an der TU München für die Gefängniswerkstatt ein Produkt entwerfen, das sie für den Verkauf produzieren konnte. Ich habe mir ein Holzflugzeugspielzeug vorgestellt, und die Idee musste ich dann verwerfen, weil es auf der Drechselbank sehr aufwendig ist. Und vom Design her würde das Produkt bereits bei der Bearbeitung aus der Drechselbank rausfliegen, weil die Form von Anfang an nicht gepasst hat.

Der Kunde war mir dankbar, dass ich ihm vorgeschlagen habe, das Backend der Seite auszutauschen, weil die Seite dadurch natürlich sicherer, schneller und auch besser vor Spam geschützt ist. Ich war so genervt von den ganzen Drittanbietern, bei denen du die Kosten zahlen und die Plugins installieren musst, die dich zu Kompromissen zwingen. Doch dank der künstlichen Intelligenz konnte ich sehr individuell auf die einzelnen Kunden eingehen, die Seiten nach meinen Vorstellungen bauen und keine Abstriche mehr machen.

Der Webdesigner ist eine Pfeife, wenn er die Website wie ein Skelett ohne visuelle Tiefe gestaltet, also so, dass sie wie ein Baukastensystem ohne Charakter aussieht, oder wenn die Website ein riesiges abstraktes Kunstobjekt wird. Das eine hat überhaupt keinen Charme und das andere überhaupt keine Nutzerfreundlichkeit, und beide sind wirtschaftlich nicht tragbar. Und das regt mich so auf, besonders, dass der Kunde darauf nicht reagiert, weil er nicht zugeben will, dass er quasi Lehrgeld bezahlt hat, und sich nicht mehr traut weiterzumachen. Oder dass sich die Kunden mit Mittelmäßigkeit oder mit purem Ego zufriedengeben, anstatt sich auf die Wirtschaftlichkeit und auf ihre eigenen Mandanten und Kunden zu konzentrieren.

Der Unterschied zwischen einem Krankenhaus und einem Keramikengel

Ich habe gemerkt, dass meine Professoren, die Italienisch sprechen, so klingen, als würden sie die ganze Zeit singen, weil Italienisch in meinen Ohren wie Musik klingt, sehr lebhaft. Und die Gestikulation und die Passion, wie sie mit Designarbeit umgehen: die große Empörung, wenn ein Student beim Design die Menschen außer Acht gelassen hat, oder die große Bewunderung, wenn ein Student ein Produkt bis ins kleinste Detail entworfen und alles andere berücksichtigt hat.

Die Professoren wollten unbedingt die Bedeutung in einem Objekt sehen, vor allem eine Geschichte dahinter. Deswegen mussten wir für jedes Projekt eine Präsentation vorbereiten und es dokumentieren. Bei den Präsentationen haben sie oft ihre eigenen Arbeiten präsentiert und erklärt, wie es dazu gekommen ist und warum. Und bei den Arbeiten schauten sie immer, ob es auch eine Art „Playfulness“ gab oder nicht. „Seriöses“ Design mochten sie nicht so sehr. Manche italienischen Professoren mochten sogar Kitsch, quasi die Südtiroler Keramikengel mit dem singenden Kussmund, also die Thun-Engel, mit deren Firma wir auch ein Projekt hatten. Man konnte an der Mimik sehr gut ablesen, wenn sie etwas nicht mochten: Sie sahen dann so aus, als ob sie eine bittere Pille geschluckt hätten.

Mich haben vor allem die Verzierungen in der Stadtmitte beeindruckt oder der große Waltherplatz mit Walther von der Vogelweide, weil sich alles so mittelalterlich angefühlt hat. Außerhalb vom Zentrum war Bozen sofort trist und trübe und ohne Ideen gebaut. In Bozen habe ich viel über Adolf Loos gelernt, und der hat auch viel über Ornamente geschrieben. Er mag gegen Ornamente sein, aber ich bin der Meinung, dass jedes Objekt etwas haben soll. Sogar die Braun-Produkte mögen auf den ersten Blick keine Ornamente haben, aber diese Ornamente sind ja genau die Akzentfarben, die saubere Aneinanderreihung oder die saubere Umsetzung und die Ausstrahlung von Qualität. Wenn ein Produkt überhaupt keine Ornamente hat, ist es ein steriles Produkt, bzw. das, was du in Krankenhäusern oft siehst: alles funktional, und es wirkt sehr kalt und distanziert. Genau aus diesem Grund fühlen sich die meisten Menschen in Krankenhäusern unwohl. Und es ist auch richtig, dass man Ornamente haben soll, aber auch nicht so viel, dass es zu Kitsch wird. Der Thun-Engel war purer Kitsch und dennoch erfolgreich, und das Krankenhaus war das genaue Gegenteil. Ich musste bei meinen Arbeiten quasi den Sweet Spot finden.

Zwei Linien mit dem Sweet Spot in der Mitte. Objekte: links Krankenhaus, alles funktional, kalt und distanziert; rechts Thun-Engel, purer Kitsch. Websites: links Baukasten, ein Skelett ohne Charakter; rechts Kunstobjekt, riesig, abstrakt, nicht nutzerfreundlich.

Die Website hat Charme, wenn man auf der Seite die Persönlichkeit der dargestellten Person oder der Firma erkennt. Also die Marke der Person. Heutzutage ist die Marke überhaupt weggelassen oder übertrieben dargestellt. Bei Scherer HR habe ich extra den Vorhang gemacht, weil sie immer sagt, dass Lila ihre Lieblingsfarbe ist, und es erinnert sie an die Gewänder der Könige und Edlen. Und das passt auch sehr gut zu ihrem Business, weil sie ja mit hochkarätigen Leuten zusammenarbeiten, quasi mit der Elite, die es an die Spitze geschafft hat.

Bisher hatte ich noch kein Kundenprojekt, bei dem es zu viel war, sondern eher solche, bei denen es viel zu wenig war. Bei zu viel kann ich den Besitzer schlecht überzeugen, weil er immer noch fest der Meinung ist, dass die Website genau richtig oder gut ist, und dem Framer- oder Webflow-Designer Tausende von Euro gezahlt hat. Die Frage ist eher: Ist die Website für die Firma entworfen oder für deren Kunden? Wenn das Erstere, dann hat die Website einen falschen Auftrag. Denn in erster Linie soll die Website die Kunden immer vom Anfang bis zum Ende führen und ihre dringendsten Fragen beantworten. Und das kann auch die teuerste Website der Welt nicht lösen, wenn sie nicht mal diese einfache Aufgabe lösen kann.

Finde den Sweet Spot

Schau dir die Website an, ob sie nicht wie jede andere aussieht, weil ihr der Charakter fehlt, oder ob die Seite sehr schwerfällig wirkt, sodass du selbst sogar Probleme mit der Navigation hast, obwohl du die Seite sehr oft besucht hast. Es lohnt sich, einen Schritt zurückzutreten und sie aus der Ferne zu betrachten, als ob du ein Besucher wärst. Würde die Website die Fragen deiner Besucher beantworten und sie zum Ziel führen? Und genau das behandle ich im Erstgespräch, wo ich mit dem Whiteboard arbeite und die Gedanken meiner Kunden zu einem Sweet Spot zusammenführe.